Am letzten Sonntag im April trifft man sich im ostwestfälischen Bielefeld, um sich gemeinsam mit über 7.100 Läufern und Wanderern (Teilnehmerrekord) von ca. 120 Bussen zum Hermannsdenkmal nach Detmold karren zu lassen. In diesem Jahr debütieren wir auf den 31,1 km (Rainer, Dirk, Michael, Uwe und ich). Um 6:15 Uhr geht es in Bochum los, die Temperaturen liegen noch im angenehmen Bereich, nach gut 1,5 Stunden sind wir am Ziel. Das der Lauf mit einem Marathon vergleichbar sei, hörte man im Vorfeld, dass man ihn nicht unterschätzen sollte. Im Zielbereich in Bielefeld klappt alles bei der Abholung der Startunterlagen sehr gut, die Organisation ist nach 38 Jahren perfekt, auch hilft die jahrelange Erfahrung unseres geschätzten Laufkollegen Falko, der ist ungelogen zum 50. Mal hier, Matthias Querfurt und Ulrike von den Preußen sind auch mitgekommen Am Busbahnhof treffen wir Tobias, er hat, wie Rainer die Startberechtigung eines anderen umgemeldet, er macht nur einen für ihn langsamen Lauf, will die Landschaft genießen und Fotos machen. Nach etwa 40 Minuten kommen wir am Hermannsdenkmal an und ziehen uns um, es wird wärmer. Nachdem wir die Kleiderbeutel abgegeben haben, schlendern wir zum Denkmal, ziemlich hoch der Hermann, die Anspannung bei mir ist da. Laut Einteilung des Veranstalters müsste ich im letzten Block starten, da ich keine Zeit beim Hermannslauf vorzuweisen habe, aber wenn man die Platzierungen der letzten Jahre vergleicht, kommt man mit einer 2:35 um die Plätze 500 raus, da müsste ich 6000 Leute überholen, das will ich mir nicht noch zu den erschwerten Bedingungen, die es ohnehin schon sind, antun. Die Arbeitskollegen Geiß und Bömmelburg schummeln sich also in die erste Startgruppe um mehr Bewegungsfreiheit und Übersicht zu haben und streben eine Zeit unter 2:35 Stunden an. Doch am Start um 11 Uhr sind die 25 Grad erreicht, aber das soll nicht so schlimm sein, da die Strecke (Aussage Tobias) meist unter Bäumen im Wald liegt (für 2008 dürfte das auch stimmen, aber durch den langen Winter hängt die Vegetation im Osten wohl ein wenig hinterher). Wir schrauben die Erwartungen ein wenig zurück und wollen um die 2:40 laufen. Aber die 850 m bergab und 650 m bergauf (laut meiner Uhr) erscheinen immer unüberwindbarer. Zu Beginn lassen wir es deshalb noch ruhig angehen, wollen uns die ersten 3 km runter vom Hermannsdenkmal warmlaufen, auch damit uns das Gefälle nicht so in die Beine haut. Die Wege sind ausgewaschen und voller Kiesel und Steine, ein entspanntes Laufen unmöglich. Am ersten Berg lassen wir es noch ruhig angehen, testen was geht, halten aber unser Tempo um die 4:50 und kommen gut über die erste Anhöhe, auch hervorgerufen durch zahlreiche Zuschauer an der Strecke. Die Bedingungen werden immer extremer. Bei Kilometer 12 geht es über die Panzerstraße zum Bundeswehrübungsplatz, 3 Kilometer nicht endenwollende ansteigende Sandstrecke mit einem weiteren starken Anstieg am Ende. Zwischendurch läuft Tobias zu uns auf und längt uns von den Strapazen ab, er macht Fotos und sieht so entspannt aus. Auf etwa der Hälfte und einem Kilometer Kopfsteinpflaster bei 15% Gefälle ist Oerlinghausen erreicht, das ganze Städtchen in Feierstimmung, man vergisst kurz die Schmerzen. Jede Wasserstelle wird jetzt zweimal mitgenommen, der Kopf brennt. An jedem Anstieg seit dem ersten Berg setze ich mich immer wieder von Rainer ab, er holt mich regelmäßig bei den Bergabpassagen wieder ein, auch er ist total fertig. Aber irgendwie können wir das Tempo halten. Nach den Treppen bei Kilometer 23 und 26 und weiteren Aufstiegen ist Rainer nicht mehr zu sehen. Ich schleppe mich weiter, immer mehr Läufer vor mir gehen oder bleiben stehen, nimmt das denn kein Ende, und ich habe dafür auch noch Geld gezahlt. An der letzten Wasserstelle bei km 29 klatscht Bömmel mir von hinten auf die Schulter und überredet mich noch einmal Gas zu geben. Sein Tempo kann ich am Ende nicht halten, seine langen Beine geben den Ausschlag, ich bin total fertig. Wir fallen uns im Ziel nur noch in die Arme und sind froh heile angekommen zu sein. So einer Belastung war ich bei keinem meiner bisherigen Wettkämpfe ausgeliefert, auch Rainer hat trotz diverser Marathons keine vergleichbare Erfahrung gemacht. Im Ziel nehmen wir ohne Ende Obst auf, ich habe in meinem Leben noch nie so gerne und vor allem viele Orangen gegessen bzw. ausgezutschelt. Am Ende haben wir die angestrebte Zeit sogar unterboten, Rainer 2:33:33 und ich 2:34:02, da muss man mehr als zufrieden sein, aber spielt in diesem Moment eine untergeordnete Rolle, vielleicht stellt sich mal später ein Glücksgefühl ein. Nachdem wir uns behelfsmäßig gesäubert haben, warten wir auf die anderen, an Gehen ist erstmal nicht zu denken, eher krampfhaftes Schleichen, wir kommen kaum von der Sparrenburg runter. Glücklicherweise schaffen es die anderen auch irgendwann mehr oder weniger verletzungsfrei ins Ziel und sind auch froh den Dreck runterzuwaschen. Was ein Wettkampf, der ist nach vier Wochen im Dezember ausverkauft, unvorstellbar (da hat man ja keine Ahnung wie warm das Wetter werden könnte, nur Rainer hätte es wissen müssen, selber Schuld).
Der Veranstalter berichtet: Die sommerlichen Temperaturen machten nicht nur den Topläufern zu schaffen. Die widrigen Streckenbedingungen – bedingt durch den harten Winter – hätten den diesjährigen "Hermann" zusätzlich erschwert. "Trotzdem haben nur rund 200 Läufer aufgegeben." Für 40 davon endete der 39. Hermannslauf allerdings im Krankenhaus. Dort behandelten die Rettungskräfte mehr als 100 Läufer – neuer Höchststand beim Hermann.
Ob ich hier noch einmal starten werde, weiß ich nicht, eher nicht. Ursprünglich sollte der Hermannslauf einer der 30er für den Rhein-Ruhr-Marathon in Duisburg sein. Ich kann es mir aber nicht vorstellen in der nächsten Zeit noch ein paar Dreißiger zu laufen. Da ich noch nicht angemeldet bin, lasse ich es sein und werde in Duisburg "nur" an den Westfälischen Halbmarathonmeisterschaften teilnehmen, dafür muss ich nicht so lange Läufe absolvieren und gehe lieber ab nächster Woche wieder auf die Bahn. Ein neuer Anlauf auf die <1:30. Aber heute ist noch Pause. Glück Auf.





